dokumenta X (21. Juni bis 28. September 1997)


Logo documenta XZum zehnten Jubiläum der documenta-Ausstellungen in Kassel kamen rund 600.000 Menschen.
Geleitet wurde die documenta 10 von Cathérine David, die zuvor mehrere Jahre am Centre Pompidou sowie an der Galérie Nationale du Jeu de Paume in Paris gearbeitet hatte; heute ist sie Direktorin des ”Witte de With-Zentrums für zeitgenössische Kunst” in Rotterdam.

Die documenta wurde im Jahr 1954 zum ersten Mal abgehalten. Ziel war es damals, moderne Kunst im Nachkriegsdeutschland wieder populär zu machen. So wurde die documenta zu einer Schau, die mit dem Anspruch auftrat, die Gegenwartskunst der gesamten Welt zu repräsentieren und die besonders signifikanten Trends und Stile der jeweiligen halben Dekade vorzustellen.

Cathérine David brach diese Reihe der Superlative. Ihre Auswahl der documenta-KünstlerInnen wurde lange geheim gehalten, Vorwürfe wurden laut, es seien zu wenig außereuropäische KünstlerInnen eingeladen. Regelmäßig kam es zu Journalisten-Beschimpfungen durch Cathérine David. Davids documenta war sehr kopflastig und Presse/Besuchern schwer zugänglich. Doch wurde wenig dafür getan, das Verständnis zu erleichtern, sodass einige Künstler Flyer verteilten, um ihr Konzept zu erklären.

Cathérine David ist mit einem hohem kulturellen, politischen und - darauf weist sie ausdrücklich hin - ethischen Anspruch angetreten. Aus einem Pressetext (Anfang 1997):

»Im Mittelpunkt der Arbeit für die dX steht die umfassende Bestandsaufnahme und Interpretation der heutigen Kultur. In der Reflexion über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der documenta X entwickelte sich die Erkenntnis, dass es heute um eine Untersuchung der ästhetischen Produktion im Zusammenhang ihres im weitesten Sinne politischen Umfeldes gehen muss, was eine weitreichende Erkundung kultureller Praktiken bedeutet. In diesem Sinne stellt sich nicht mehr nur die Aufgabe, eine Ausstellung als reine Inszenierung von Kunstwerken aufzubauen, vielmehr definiert Cathérine David die dX als manifestation culturelle. Deren herausragende Eigenschaft ist es, den Zugang zum Erkennen des Zustands der Welt auf unterschiedliche Art und Weise zu ermöglichen.«

Statements von Cathérine David:

"Lateinamerika ist nicht totale, abgelegenste Dritte Welt, sondern ist der äußerste Westen. ... Man kann sich informieren und wird sehen, dass es, wie anderswo, in Lateinamerika interessante und wichtige Künstler gibt. Das ist eine Frage der Aufmerksamkeit, Intelligenz und Neugier." ... " Ich glaube eher, dass man sich mit den Problemen an unserer Peripherie auseinandersetzen muss, mit den Dingen, die niemand sehen will." ... "Es gibt ja das, was wir die Modernität nennen. Alles, was mit der Entkolonialisierung zu tun hat, fand innerhalb dieser Modernität statt."
"Es ist an der Zeit zu begreifen, dass es nichts außer Modernität gibt, also keine einfachen Gegensätze zwischen Zentrum und Peripherie, Moderne und Prämoderne." ... "Wir sollten bedenken, dass es in dem Haus der Modernität viele Räume gibt, und dass Modernität eine Ansammlung vieler verschiedener Prozesse kultureller Konstruktion ist." ... "Es ist in der Kunstwelt Mode geworden, Künstler aus Afrika und Asien einzuladen. Das ist zumeist eine Alibi-Geste, im besten Fall Konformismus, bisweilen auch einfach Kolonialismus. Für solchen Exotismus bin ich nicht zu haben."

In den Anfängen, sagte Cathérine David, sei die documenta ein Ort der Versöhnung mit der Moderne gewesen. Dieser Aufgabe sei die documenta inzwischen entbunden. Denn jenseits der Moderne sei nichts mehr und das ästhetische Schaffen längst den globalisierenden Trends verfallen. An Folklore, am Exotismus habe sie kein Interesse. Sie interessiere sich aber für die Modernität der Randgebiete. Für die Kultur der Kulturverschmelzung - vorzugsweise in den Vororten der großen Metropolen. Ja, und wenn sich erweise, dass die Kultur der Randgebiete keine Bilderkultur sei, sondern, wer weiß, eine Filmkultur, dann habe die documenta entsprechend zu reagieren.

Somit wollte sich Cathérine Davids mit ihrer documenta in keine Schubladen pressen lassen. Die entscheidende Frage für sie war, wie und wo Kunst 1997 und danach stattfinden würde, eine Kunst in Abgrenzung zu den Medien, zur Werbung, zur Unterhaltung, eben "eine Kunst, die mehr hat als Design". Nicht der Konsum von Produkten sollte befriedigt werden, sondern das Diskutieren, Hinterfragen, Nachdenken über die Andersartigkeit von Kunst. Die documenta sollte endgültig kein "Museum der 100 Tage" mehr sein, sondern ein Laboratorium mit dem Ziel, sich nicht den Medien und dem damit einhergehenden Niveauverlust zu beugen. Diese zehnte documenta wollte einer Kunst nachspüren, die gerade im Entstehen war und die mit Sicherheit nicht unter der bisherigen Gattungsbezeichnung "Bildende Kunst" laufen würde.

Begleitet wurde die documenta X von Diskussionsreihen mit hundert Gästen an hundert Tagen. Außerdem wurden speziell für die documenta gedrehte Filme und Theateraufführungen präsentiert.

Es gab nicht viele "Stars" in dieser Anti-Show, die wenigen zeigten sich mit großformatigen Arbeiten, wie etwa Gerhard Richter oder Peter Kogler. - Zu den herausragenden Arbeiten gehörte Walter de Marias "Erdkilometer", ein Stab, der 1000 Meter tief in die Erde versenkt wurde. - Oder die Installation des Amerikaners Bill Viola (der 2003 seine Video-Installation "5 Angels for the Millennium" im Oberhausener Gasometer präsentierte). - Der Südafrikaner William Kentridge hat mit "History of the Main Complaint" einen unter die Haut gehenden Film mit bedrückender Atmosphäre gezeichnet. - Gewalt und männliche Kriegsgelüste aus weiblicher Sicht zeigten Nancy Speros mechanische Bilder und Texte. - Rosemarie Trockel und Carsten Höller warteten mit einem Schweinestall auf. -

Kazuo Katase: OrtRaum GötternachtViel beachtet wurde die Installation "Ort-Raum Götternacht" von Kazuo Katase.- Mike Kelley und Tony Oursler präsentierten in der documenta-Halle eine Installation mit Videoclips. Den bühnenbildähnlichen Installationen setzten sie massive, von der Decke hängenden Objekten gegenüber, die sie mit Tafelbildern ausstaffierten. Ton, Bilder und Videoprojektionen ergaben eine alptraumartige Symbiose. Der Titel der Gesamtinstallation lautete "The Poetics Project".

Martin Kippenberger: mobile MetrostationMartin Kippenberger richtete an verschiedenen Orten überall in der Welt Metrostationen ein, die dann auch im Internet gezeigt werden. Auf dem dokumenta-Gelände selbst befand sich eine transportable Metrostation. -
Außerhalb Kassels hatte Marko Peljhan sein "Makrolab" installiert, eine Art Zukunftslabor mit Zitaten von Futuristen, Konstruktivisten und russischer Avantgarde der Poesie.-
Interaktive Videopräsentationen mit 3D-Räumen zeigte Jordan Crandall ("Suspension Vehicles"), Hybridräume ohne Anbindung an äußere Kommunikationsräume. Seine Installation sollte die Idee von Rhythmus und Bewegung in Alltagsräumen und -formen mit Hilfe vernetzter Kommunikation transportieren. Dieser Ideentransport erfolgte auf dem vom Künstler eingerichteten Blast-Forum im Internet, leider nicht vor Ort.


Das Logo – ein schwarzes "d", das von einem orange-rotes X als römisches Zeichen für "zehn" überlagert wird – war mehrdeutig: Das X konnte auch als ein Durchstreichen der dokumenta interpretiert werden, also keine documenta (im traditionellen Sinn) im Jahr 1997. Ein Markenzeichen als Provokation und Irritation – ganz anders als Jan Houts weiß-schwarz gespiegelter Schwan bei der documenta 9.
Schöpfer des Logos war Carl van Ommen.