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13. Juni - 20. Sep. Kassel 1992 |
Künstlerischer
Leiter:
Jan Hoet, Gent
Ausstellungsorte:
Museum Fridericianum, documenta Halle - Neue Galerie, Aue Pavillons - Ottoneum,
Zwehrenturm - Modehaus, Leffers - Freier Raum und Zeche Zollverein Schacht XII in Essen
Teilnehmende
Künstler/innen:
Marina Abramovic, Absalon, Richard Artschwager, Francis Bacon,
Marco Bagnoli, Nicos Baikas, Miroslaw Batka, Matthew Barney, Jerry Barr, Lothar
Baumgarten, Jean-Pierre Bertrand, Michael Biberstein, Guillaume Bijl, Dara Birnbaum,
Johanthan Borofsky, Louise Bourgeois, Herbert Brandl, Ricardo Brey, Tony Brown,
Marie José Burki, Jean-Marc Bustamante, Michael Buthe, Pedro Cabrita
Reis, Waltercio Caldas, Pier Paolo Calzolari, Ernst Caramelle, Lawrence Carroll,
Saint Clair Cemin, Tomasz Ciecierski, Tony clark, James Coleman, Tony Conrad,
Patrick Corillan, Damian, Richard Deacon, Thierry De Cordier, Sivie & Chérif
Defraoui, Raoul De Keyser, Wim Delvoye, raco Dimitrijevic, Eugenio Dittborn,
Helmut Dorner, Stan Douglas, Marlene Dumas, Jimmie Durham, Mo Edoga, Jan Fabre,
Luciano Fabro, Belu-Simion Fainaru, Peter Fend, Rose Finn-Kelcey, FLATZ, Fortuyn/O'Brien,
Günther Förg, Erik A. Frandsen, Michel François, Vera Frenkel,
Katsura Funakoshi, Isa Genzken, Gaylen Gerber, Robert Gober, Dan Graham, Rodney
Graham, Angela Grauerholz, Michael Gross, George Hadjimichalis, Davin Hammons,
Georg Herold, Gary Hill, Peter Hopkins, Rebecca Horn, Roni Horn, Geoffrey james,
Olav christopher Jenssen, Tim Johnson, Ilya Kabakow, Anish Kapoor, Kazuo Katase,
Tadashi Kawamata, Mike Kelley, Ellsworth Kelly, Bhupen Khakhar, Martin Kippenberger,
Per Kirkeby, Harald Klingelhöller, Kurt Kocherscheidt, Peter Kogler, Vladimir
Kokolia, Joseph Kosuth, Mariusz Kruk, Guillermo Kuitca, Suzanne Lafont, Gustav
Lange, Jonathan Lasker, Jac Leimer, Zoe Leonard, Eugène Leroy, Via Lewandowsky,
Bernd Lohaus, Ingeborg Lüscher, Attila Richard Lukacs, James Lutes, marcel
Maeyer, Brice Marden, Cildo Meireles, Ulrich Meister, Thom Merrick, Gerhard
Merz, Marisa Merz, Meuser, Jürgen Meyer, Liliana Moro, Reinhard Mucha,
Matt Mullican, Juan Muñoz, Christa Näher, Hidetoshi Nagasawa, Burce
Nauman, Max Neuhaus, Pekka Nevalainen, Nic Nicosia, Moshe Ninio, Jussi Niva,
Cady Noland, Manuel Ocampo, Jean-Michel Othoniel, Tony Oursler, Panamarenko,
Giulio Paolini, A. R. Penck, Michelangelo Pistoletto, HermanPitz, Stephen Prina,
Richard Prince, Martin Puryear, Royden Rabinowitch, Rober Racine, Philip Rantzer,
Charles Ray, Martial Raysse, readymades belong to everyone, José Resende,
Gerhard Richter, Ulf Rollof, Erika Rothenberg, Susan Rothenberg, Ulrich Rückriem,
Thomas Ruff, Stephan Runge, Edward Ruscha, Reiner Ruthenbeck, Remo Salvadori,
Joe Scanlan, Eran schaerf, Adrian Schiess, Thomas Schütte, Helmut Schweizer,
Maria Serebriakova, Mariella Simoni, Susana Solano, Ousmane Sow, Ettore Spalletti,
Haim Steinbach, Pat Steir, Wolfgang Strack, Thomas struth, János Sugár,
Yuji Takeoka, Robert Therrien, Frederic Matys Thursz, Niele Toroni, Thanassis
Totsikas, Addo Lodovico Trinci, Mitja Tusek, Luc Tuymans, Micha Ullman, Juan
Uslé, Bill Viola, Henk Visch, James Welling, Franz West, Rachel Whiteread,
Christopher Wool, KeunByung Yook, Heimo Zobernig, Gilberto Zorion, Constantin
Zvezdochotov.
Einen Text zu schreiben über
eine Ausstellung, mit deren Entstehen ich fast drei Jahre intensiv gelebt habe,
erscheint mir wie ein Widerspruch in sich. In diesen Tagen wird die Ausstellung
sichtbar, spürbar, real. Alles ist in Bewegung, nur weniges bereits definitiv.
Schreiben ist für mich immer auch ein endgültiges Festlegen, Einfrieren,
ein Abschöpfen des Konkreten. Die Energie, die mich im Augenblick voranbringt,
ist eine der Beweglichkeit, des Mitgehens, der immer wieder neuen Einlassungen,
eine Energie nicht von innen, sondern von außen.
Worüber soll ich nun schreiben, wenn noch so viel zu sagen ist? Es gibt
Dinge, von denen ich lieber schreien möchte, für sie erscheint mir
die Schrift viel zu still. Stattdessen erwartet man Erklärungen, programmatische
Sätze. Doch es gibt keine richtigen Erklärungen, sie bleiben immer
nur Buchstaben und Worte, eben Erklärungen, keine Realität. Nur Randbemerkungen,
Erzählungen, Vorschläge.
Meine Ausstellung ist ein Angebot, eine Herausforderung, sie ist Einladung und
Argumentation, die erfahrbar werden in der individuellen Begegnung mit der Kunst.
Wenn ein Text zur Ausstellung nicht zu einer Rechtfertigung und Verteidigung
dessen werden soll, wofür man bis ins kleinste Detail eine Verantwortlichkeit
übernommen hat, so sind nur Sätze sinnvoll, die den Blick sogleich
wieder zurück auf die Ausstellung selbst lenken.
Was also gehört in eine Einführung?
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Ich könnte zum Beispiel schreiben von der Schönheit, vom körperlich
erfahrbaren Geheimnis der Kunst.
Künstler suchen nicht nach der Ästhetik der Dinge, sondern sie enthüllen
die verborgene Schönheit, die Essenz, die Extase. Das Material erhält
eine neue Intensität, die es heraushebt aus seiner physischen Gebundenheit,
es freisetzt, transzendiert und auflöst in ein neues Bezugsfeld sinnlicher
Erfahrungen. Erst das Eintreten in ein Kunstwerk, erst eine körperliche
Einlassung ermöglichen jene umfassende Erfahrung, die es fordert. Man muss
in der Arbeit sein, innerhalb eines offenen und weiten, vom Künstler geschaffenen
Raums.
Kunst fordert — die Augen, den Intellekt, das Gefühl, das Verlangen.
Sie bezieht sich immer auf den Körper.
Wie der Künstler seine Arbeit entstehen lässt auf dem Hintergrund
seiner Gedanken, seiner Erfahrungen, seiner Intuition und seines Gefühls
für den Körper, so schafft auch der Betrachter jedes Kunstwerk wieder
neu. Die Begegnung mit der Kunst beginnt in der Rekonstruktion des Kunstwerks
mit den Augen.
Erfahrung ist nicht formal, sie ist kein Bild. Erfahrung ist immer bezogen,
stellt Verbindungen her mit bereits bekannten Bereichen des Lebens. Doch es
geht nicht nur um die Erfahrung in und mit der Kunst, sondern in gleicher Weise
um jene im Leben. Nicht das Erwartete ist wichtig, sondern das Entdeckte. Aber
die großen Entdeckungen warten nicht in diesem Text, sondern in der Ausstellung.
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Man könnte eine Erzählung schreiben, eine lange Geschichte von den
Menschen und Situationen, die mir hier begegnet sind, Eine Geschichte von den
vielen kleinen Kaisern, die tagtäglich verängstigt ihr Reich abschreiten,
von all den Königen in den kleinen Imperien ihrer Verantwortlichkeit. Eine
schöne Erzählung würde das, lang und voller Überraschungen.
Es gäbe viel zu sagen über den Antagonismus zwischen Provinz und Weltausstellung,
über den Widerspruch zwischen kleinbürgerlichem Sicherheitsbedürfnis
und einem international beachteten Freiraum künstlerischer Auseinandersetzungen.
Ein Unterfangen so unmöglich wie notwendig. Eine Stadt gebiert eine Idee,
huldigt einer Tradition und erschrickt jedes Mal aufs Neue über die erschütternde
Gewalt und das kreative Potenzial ihrer Realisierung.
Es wäre die Geschichte sowohl vom Zauberlehrling wie auch jene von Pechmarie
und Goldmarie. Wichtig aber ist es, die einen mit den Veränderungen nicht
völlig zu überrollen und jenen, die sich der Herausforderung stellen
wollen, alle notwendige Unterstützung zu bieten. Der Widerspruch als offener
Dialog...
Und wo wäre dieser besser zu führen als mit und vor der Kunst.
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Wie viel ließe sich über das Sehen sagen, darüber, wie wir gelernt
haben wahrzunehmen, über das Erleben der Welt. Diese Welt ist kleiner geworden;
das »global village«, wie McLuhan es umriss, bildet heute unseren
alltäglichen Erfahrungshorizont. Fast alles ist verfügbar geworden,
innerhalb weniger Augenblicke ist der Zugriff auf Informationen, Eindrücke
und Erfahrungen jedweder Art möglich. Die Welt ist atomisiert, Ganzheitlichkeit
verschwindet zunehmend aus unserem Leben. Alles ist zum Bild geworden, mediatisiert,
die Augen und ihre immateriellen Erfahrungen bilden das Zentrum unserer Außenkontakte.
Die Welt scheint uns nicht mehr fremd, sie ist zu einer Art Objekt geworden,
dessen wir uns sicher wähnen. Die Bilder ermöglichen Parallelen, wo
es bisher keinerlei Vergleichbarkeit gab, der gefahrlose visuelle Zugriff macht
uns vermeintlich sicher im Umgang mit noch so fernen Erscheinungen.
Einbrüche der Ungewissheit, Angst und Bodenlosigkeit haben Namen in Psychoanalyse,
Psychiatrie und Soziologie, werden in die versorgende Hülle kategorisierender
Sozial- und Psychofürsorge gebettet. Es gibt genügend kontrollierte
Freiräume und Domestizierungen, um eigentlich jede Abweichung systemimmanent
zu halten.
Doch der umfassende zivilisatorische Zugriff auf die zunehmend aufklaffenden
Risse unseres wohlgeordneten Lebens verfehlt mehr und mehr seine Wirksamkeit,
Die Bedrohungen und Angriffe des Unbekannten (im Inneren und im Äußeren)
sind diffuser geworden, schwerer zu lokalisieren und damit auch unbedingter,
dringlicher. In einer Welt fast vollständiger digitaler Objektivierbarkeit
wird die Notwendigkeit einer vermittelnden Sprache offenbar.
Vollkommene Verfügbarkeit heißt auch völlige Beliebigkeit. Modelle
mit strenger innerer Logik, Systeme auf der Basis einer begrenzten Zahl von
Axiomen taugen nur vorübergehend als Sicherheit. Die bezwingende Rationalität
der Kategorien ermöglicht jede schlüssige Kombination der Komponenten.
Wenn alles mit allem logisch verknüpfbar ist, wird Wahrheit austauschbar
und damit unwichtig.
In einer Zeit, in der Erfahrungen immer unkonkreter, eben virtuell werden, kann
nur eine vorbehaltlose Intersubjektivität und Rückbesinnung auf die
individuelle Konkretheit, auf die Körperlichkeit einen neuen Anstoß
geben.
Es geht nicht mehr um die Beschwörung großer abstrakter Visionen,
sondern um den scharfen Blick auf die physischen Bestandteile unserer Umwelt,
um einen neuen gegenständlichen Bezug zur Objektwelt (dessen negatives
Umschlagen im Festklammern an den Details als Gegenpol bereits vorgegeben ist).
Die Re-Kombination atomisierter Erfahrungen, die Re-Organisation jenseits einer
wissenschaftlichen Systematik und die Re-Konstruktion eines existenzgebundenen
Sinngeflechts, das muss ein Anliegen von Kunst sein. Es muss wieder vom Körper
die Rede sein, nicht physisch, sondern emotional, nicht äußerlich,
sondern mental, nicht idealisierend, sondern in seiner Verletzlichkeit, In dieser
Hinsicht stieß Beuys eine Tür auf. Aus seinen Arbeiten spricht eine
permanente Forderung nach der Verantwortlichkeit für unser Tun.
Aber soll man wirklich über das Sehen und die Erfahrungen schreiben, statt
sie zu machen. Die documenta steckt voller Möglichkeiten.
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Ich weiß, dass es noch immer viele geben wird, die, was immer ich auch
schreibe, nicht als das lesen werden, was es ist — eine Reflexion —‚
sondern als das, was es niemals sein will — eine Konzeption. Ein Konzept
in dem Sinne, dass es am Anfang stünde, dass es den Ausgangspunkt bildete
und der Ursprung für jede weitere Überlegung sei. Doch der Ursprung
war für mich immer nur die Kunst, die Künstler und ihre Arbeiten,
die Notwendigkeiten, die einen Ort gesucht und geschaffen haben.
Gibt es einen Ort der documenta? In der wechselhaften Geschichte dieser Ausstellung
war das Museum Fridericianum von Anfang an ein zentrales Gebäude. Doch
was war es, und was ist es heute? 1955 standen dort lediglich die letzten Reste
eines historischen Gemäuers aus dem 18.jahrhundert, notdürftig mit
einem leichten Dach geschützt. Innen überdeckte die weiße Tünche
auf den nackten Backsteinen nur scheinbar den Ruß, den das verrauchte,
verkohlte Wissen einer ehedem großartigen Bibliothek unter dem Bombenhagel
auf den Wänden hinterlassen hatte. Die dicken, schwarzen Plastikfolien
der ersten documenta, die zum Teil kühn als Hintergrund bestimmte Akzente
der Hängung setzten, erscheinen wie eine abstrahierte Erinnerung an diese
große Vernichtung. Das Museum Fridericianum war kein Museum, es war eine
mit großer Geste neu belebte Ruine. Die klassische Moderne stieg aus der
Asche des Zweiten Weltkriegs in die Fünfzigerjahre.
Diese neunte documenta findet mit einer mehr als 35jährigen Tradition auch
eine relativ etablierte räumliche Situation vor. Das Museum Fridericianum
ist seit 1987 ein vorschriftsmäßig durchsaniertes, in genaue Brandabschnitte
aufgeteiltes Gebäude, das unter der Last des in sein Innenleben gepumpten
Betons fast zusammenbricht.
Es gibt die neu erbaute documenta-Halle, die etwas verstaubte, doch interessante
Neue Galerie, ein langsam verfallendes Naturkundemuseum mit vielen, weitgehend
unentdeckten kleinen Schätzen und die solide konstruierten temporären
Ausstellungspavillons in der Aue.
Am Anfang stand die Ortlosigkeit. Eher eine Idee als eine Institution, entsteht
die documenta jedes Mal nahezu aus dem Nichts. Ihre Räumlichkeiten sind
in diesem Sinne nicht eigentlich die ihren, sondern Dauereinrichtungen im Ausnahmezustand.
Die Logistik, das Personal, die Organisation, die Ausstellungsorte, alles muss
am Anfang erst gefunden werden. Permanent anwesend ist nur der tragende Gedanke,
eine inzwischen auch ökonomisch aufgeladene Tradition und die Geschichte
der Realisierungen. Diese Idee sucht einen Ort für ihre Manifestation und
findet ihn seit jeher zuerst im Museum Fridericianum. Von dort aus spinnen die
Fäden sich weiter, neue Gebäude und Räume werden entdeckt und
fügen sich in ein lebendiges topographisches Beziehungsgeflecht. Und dann
steht die räumliche Struktur dieser Ausstellung plötzlich klar vor
dem inneren Auge, wird zum Ausgangspunkt und entscheidungsleitenden Ziel.
Die neunte documenta ist eine documenta der Orte, ihre Topographie ist das alles
tragende Gerüst. Aber sie ist auch eine documenta der Künstler, denn
erst sie schaffen innerhalb des Gerüsts die Räume. Eine Ausstellung
muss immer von ihren konkreten Bedingungen und Voraussetzungen ausgehen, von
den Gebäuden, dem Licht, den Wegen. Das soll man sehen und erleben, nicht
nach den theoretischen Konzepten suchen.
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Oder sollte ich von den Künstlern schreiben? Von den vielen faszinierenden,
verstörenden, starken Begegnungen und Erlebnissen? Der Künstler steht
im Mittelpunkt, die Entstehung der Ausstellung basiert auf der intensiven Auseinandersetzung
mit seiner Arbeit. Meine documenta geht allein vom Künstler, von seinem
Werk aus. Eine Ausstellung zu realisieren bedeutet für mich immer auch
Kampf, ein Ringen um jede Arbeit, eine Auseinandersetzung bis hin zur körperlichen
Erschöpfung.
Der Künstler besitzt diese ungeheure Energie, eine große Kraft des
Ausdrucks und ein Potenzial, das ein Ausstellungsmacher nie hat. Eine Ausstellung
kann nur von dieser Energie profitieren, kann sie hervorlocken, sichtbar machen,
sie kanalisieren und für Außenstehende vermitteln, Ihre Stärke
liegt darin, Energien offenzulegen, die die Antriebskräfte der Welt sind,
die das Leben in Bewegung halten, die die Schönheit für nur einen
Augenblick rein hervorkehren.
Künstler sind die Motoren in der Welt, doch sie brauchen die sie tragende
Mechanik, damit ihre Kraft nicht ins Leere läuft, sondern antreibt. Diese
Ausstellung sollte wie ein Keilriemen sein.
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Und dann schickt jemand einen Text:
». . . die Erde scheint nicht der Steinbruch der Materie zu sein, die
durch die aufgeklärte Ratio schamlos kultiviert werden kann. Sie ist der
Ursprung des Lebens, ein metaphysisches Ereignis wie kein anderes, dem der Mensch,
auch der moderne Mensch, sein Entstehen und Bestehen zu verdanken hat, Davon
zeugt v sein eigener, irdischer Körper. Er trägt ja das Lebensbild
wie kein anderer, das irdische Zeichen das ihn dauernd an die mütterliche
Nabelschnur erinnert. Plato und die Seinen sahen nur im vermaßten Körper
ein metaphysisches Bild, einen mikrokosmischen Spiegel der makrokosmischen rationalen
Ordnung. Sie sahen nur den Kopf, den Sitz der rationalen Seele, den Teil, der
sich am weitesten entfernt von der Erde bewegt. Und sie blieben mit sehenden
Augen blind für die Zeichen ihrer ursprünglichen Bindung. […]
Durch ihre metaphysische Treue zum Lebenswunder wird die Kunst, was sie immer
sein wollte, nämlich eine mütterliche Kunst,..« (Sylvain De
Bleeckere)
Kann man so schreiben? Kann man so etwas schreiben, und dann noch als Mann?
... Und was hat es zu bedeuten, wenn immer mehr Künstler sich den Dingen
des alltäglichen Lebens zuwenden, wenn viele Arbeiten sich zwischen der
Schaffung neuer, mystisch aufgeladener Räume und einer gedanklichen Befragung
der fundamentalen, organischen, der »schmutzigen« Seiten des Lebens
einen Ort suchen. Wenn Kot, Konsumkultur, Vagina, Phallussymbole, der Tod und
nach Schweiß riechender Sex hineingeholt werden in die weiße Reinheit
des klassischen Ausstellungsraums. Die Verschiebung der Dinge aus ihren gewohnten
Zusammenhängen, der Rückbezug auf Duchamp, das »displacement«
‚ die Verunsicherung des eigenen Standpunktes sind wichtige Zugriffe auf
die als banal und minderwertig abgetane Alftagswelt. Aber ist das schon eine
weibliche, oder besser, mütterliche Kunst? Heute müssen die Dinge
selbst wieder wichtiger werden als das, was wir über sie zu sagen haben.
Wir leben in einer Zeit der sozialen, individuellen und auch kulturellen Unbestimmtheit,
in der der Horizont keine gerade Linie mehr ist. Er ist vielmehr erfahrbar als
vage Spannung zwischen Erde und Himmel, als eine Unbestimmtheitszone, in der
der Blick nicht mehr richtig scharf gestellt werden kann, Gut und böse,
oben und unten, richtig und falsch verwischen sich in diesem Zwischenbereich
zu einer verwirrenden Relativität. »Experience means the world«
— Erfahrung bedeutet die Welt. Kunst, die auf dieser Ebene spricht, ist
immer ein Instrument, das etwas bewirkt, das Emotionen weckt, historische Bezüge
ins Bewusstsein rückt, nach einem Urteil verlangt. Kunst, die verändert,
korrigiert, Zweifel weckt. Kunst, die mit der Erde Verbindung hält, die
das Böse aufnimmt, in den Schmutz greift, dem Tod in die Augen sieht. Kunst,
die nicht mehr nach den Weihen eines veränderten, metaphysischen Bewusstseins
ruft, sondern nach den Bedingungen unserer irdischen Existenz fragt —
und gerade damit eine neue Sichtweise provoziert. Vielleicht liegt darin tatsächlich
eine Wendung im Denken, ein längst überfälliger Bezug auf die
weiblichen Strukturen dieser Welt. Eine von jenen Fragen, die ich mir mit dieser
Ausstellung gerne beantworten würde.
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Warum werde ich immer wieder nach den Kriterien, nach abstrakten Maßstäben,
nach schlechtem oder gutem Geschmack gefragt? Kunst ist keine Sache des Geschmacks,
sondern der Auswahl. Auswahl braucht Mut, braucht die Entschlossenheit zur eigenen
Entscheidung. Geschmack bleibt unbestimmt, unentschieden, lässt immer eine
Hintertür offen. Man muss »ja« sagen können und »nein«,
man muss begründen können und hinterfragen — und man muss sich
irren können. Um eine gute Ausstellung zu machen, kann man nicht einfach
nur eine Hitliste berühmter Namen zusammenstellen, das ergäbe keinen
Zusammenhang. Eine Ausstellung hat ein bestimmtes Ziel, wird von leitenden Gedanken
getragen. Dann wird plötzlich klar, wo die Auswahl beginnen muss, wie die
Entscheidungen sich gegenseitig bedingen und zu einer inneren Struktur führen
können. Eine solche Struktur kann man nicht beschreiben, man kann sie nur
sehen, nachvollziehen, erleben, in der direkten Konfrontation mit dem realen
Ereignis rekonstruieren und neu erfinden.
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Ich zweifle manchmal daran, ob ich überhaupt noch will, dass man meine
Gedanken liest? Mir scheint es besser zu reden, wichtiger als das selbstbezogene
Umkreisen der Dinge ist mir der Dialog. Ich brauche die Bewegung, die Nähe
der Arbeiten selbst. Ich will, dass man miteinander redet, diskutiert, sich
streitet und nach außen geht. Dass man zusammen mit der Kunst denkt, Erfahrungen
macht und dass damit die Kraft, die die Kunst in sich trägt, auch Realität
wird innerhalb unserer Gesellschaft. Ich bin sicher, dass sie Kunst mehr braucht
denn je.
Kunst ist immer subversiv. Sie stellt das Etablierte in Frage, stört das
Gewohnte und schafft damit neue Bedingungen von Sprache, sowohl der künstlerischen
wie auch der gesellschaftlichen. Kunst provoziert, und die Politik ist letztlich
nicht von ihr trennbar, sondern eine fortwährende dialektische Herausforderung.
Kunst ist eine Haltung, die hervorgeht aus dem Widerstand gegen jede Art autoritärer
Ambitionen (Gleichschaltung, Vorverurteilung, Beschränkung), einschließlich
Nazismus und Neo-Nazismus, der erschreckenderweise überall auf der Welt
neue Impulse erhält. Die documenta ist eine Ausstellung, für die Freiheit
eine fundamentale und existenznotwendige Voraussetzung ist, ein Ort auch, an
dem die Kunst Stellung bezieht zu solcherart destruktiver Kräfte in der
Gesellschaft.
Ich glaube an diese Kraft von Kunst aus sich selbst heraus, an ihr veränderndes
Potenzial, aber ich habe Zweifel an der Kraft dessen, was ich über politische,
gesellschaftliche Realitäten sagen kann.
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Wenn ich hier sitze und den Text schreibe, wandern meine Gedanken immer wieder
zurück zur Ausstellung, ich denke daran, wie sich dieses Bild zu jenem
verhält, wie der Besucher sich zwischen zwei Installationen bewegen wird,
ob die Räume tatsächlich ihre größtmögliche Stärke
entfalten.
Diese Ausstellung ist mein Text, jeder Beitrag eine Setzung, und im Durchschreiten
der Räume entfaltet sich der Diskurs. Sie zeigt, wie man in und mit der
Realität denken kann, und sie zeigt, wie man zum Denken nicht notwendigerweise
ein Stück weißes Papier benötigt. Sie zeigt Kunst.
| Diese außergewöhnliche documenta-Präsentation war sehr facettenreich und gab Anlass zu heftigen Diskussionen auch in der Kasseler Bürgerschaft wegen der zahlreichen, oftmals schwer zugänglichen Außenobjekte, zum Beispiel die mit ungeordneten Brettern vernagelte Hausruine oder die an Laubenpieper erinnernden Bretterbuden am Bachufer von Tadashi KAWAMATA. Die nebenstehenden Bilder zeigen nacheinander:
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Wie auch viele andere Objekte der documenta 9 befindet sich auch diese Installation von Ilya KABAKOV "Die Toilette" heute in Jan Houts Museum SMAK in Gent. |
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"Die
Installation steht im 'Hinterhof' des Museums Fridericianum
und ist eine beinahe exakte Erinnerung an eine Bedürfnisanstalt,
wie man sie in den sechziger und siebziger Jahren überall in der
russischen Provinz nben Bushaltestellen und Eisenbahnstationen erbuate.
Ein jeder in Russland kennt diese trostlosen Gebäude aus Stein, innen
und außen weiß angestrichen, vollgeschmiert mit Zeichnungen
und schmutzigen Schimpfwörern. Sie sind verdreckt und verwahrlost
und rufen beim bloßen Anblick Verzweiflung und Übelkeit hervor.
Die Fensterscheiben unter dem niedrigen Dach sind zerschlagen. Die Eingänge
für Frauen und Männer befinden sich auf den gegenüber liegenden
Seiten. die Türen in schmutzigem Weiß sind offen. |
||
| Eine solche Toilette, im Wesentlichen unverändert, ist auf der documenta 9 aufgebaut. Für den Besucher eröffnet sich, nachdem er vielleicht in der Warteschlange angestanden hat, jedoch ein ganz anderes Bild. Jawohl, der Innenraum blieb unverändert, wie er oben beschrieben ist, aber hier ist etwas untergebracht, was mit einer Toilette unvereinbar scheint: Der Besucher findet eine gewöhnliche sowjetische Zwei-Zimmer-Wohnung vor, das Wohnzimmer die Männerabteilung, das Schlafzimmer die Frauenabteilung. Die Wohnung ist mit ganz gewöhnlichen Möbelstücken vollgestellt: ein Tisch mit Tischdecke, ein Buffet, eine Couch, ein Bücheregal und Stühle befinden sich hier. Im Schlafzimmer steht ein Bett, eine 'Kinderecke' ist eingerichtet, auf einem kleinen Teppich leigen Spielsachen, an den Wänden hängen Bilder: Alles sieht normal, alltäglich, 'bewohnt' aus. Das Geschirr vom Abendbrot ist noch nicht abgeräumt, eine Männerjacke hängt auf dem Stuhl. ... Das Leben verläuft in gewohnten Bahnen; hier wohnt eine ruhige anständige Familie, die vielleicht eben auf einen Sprung zu den Nachbarn gegangen ist ... |
Diese ganz normale Leben in der Toilette .. Muss man zu dieser Metapher noch was sagen?" Ilya Kabakov, 1992 |
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Die
Zeche Zollverein Schacht XII in Essen-Katernberg wurde 1992 zur Außenstelle
der documenta 9. In einer großen Halle der aufgegebenen Zeche platzierte
der 1938 in Düsseldorf geborene Ulrich Rückriem symmetrisch seine
großen Steinquader.
Ulrich Rückriem hat bereits an der documenta 8 teilgenommen. 1984 wurde er Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, 1987 an der Städelschule Frankfurt. Er lebt und arbeitet in Köln, Agon/Normandie und Clonegal/Irland.