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Märkisches Museum Witten
Am 7. Oktober 1988 wurde
das Museum nach umfangreichem Neu- und Umbau eröffnet.
DIE NEUE ARCHITEKTUR...
ist das Resultat eines lang
andauernden und mehrere Varianten durchspielenden Planungsprozesses. Mit
erstmals 1979 bereitgestellten Planungsmitteln wurden im Jahre 1980 zwei
Gutachten eingeholt, die sich mit der Frage einer Erweiterung befassen
sollten. Die Planungsgruppe Prof. Kasper, Aachen, und das Architektur-Büro
P. und U. Trint, Köln, lösten die Aufgabe mit jeweils völlig
unter schiedlichen Ergebnissen.
Der Vorschlag der Architekten Trint "duckte" sich hinter das
bestehende Museum — unter Ausnutzung der Höhenentwicklung in
das Gelände. Die Planungsgruppe Prof. Kasper stellte einen völlig
selbstständigen Baukörper tief gestreckt neben das vorhandene
Haus in den Park. Ein gläsernes Bindeglied verband Alt- und Neubau.
Haupteingang blieb, wie auch in der Lösung Trint, der jetzige Eingang.
In einem eindrucksvollen Verlauf wurde der Besucher an der Strünkede-Gruppe
im Erdgeschoss über die Erweiterungsflächen des Neubaus zu den
Ausstellungsräumen des Altbaus geführt.
Beide Varianten stellten qualitativ gute Extremlösungen dar, entsprachen
jedoch nicht den Vorstellungen der Stadt. Die Bauverwaltung wurde beauftragt,
eine sparsamere Lösung zu erarbeiten.
Statt
eines nebengestellten Neubaues wurde der unmittelbare Anbau entwickelt.
Wenn auch der Altbau in der Folge der historischen Bebauung an der Husemannstraße
einen Solitär darstellt, so war aus organisatorischen Gründen
diese unmittelbare Anbindung notwendig. Gestalterisch erschien diese Lösung
erlaubt, da das alte Museum mit sei ner charakteristischen Sandsteinfassade
in den rückwärtigen Fassadenpartien anspruchslose Putzflächen
aufwies. Bei dem planerischen An- gang spürte man vordringlich die
Verpflichtung, die historische Frontpartie des alten Hauses zu beachten
und ihr mit dem Anbau nicht die Wirkung zu nehmen. Gleichwohl sollte der
Anbau eine gewisse Eigenständigkeit erhalten.
Es war demzufolge eine Selbstverständlichkeit, den Haupteingang traditionsgebunden
im Altbau zu belassen. Die schwierige Aufgabe, mit dem unmittelbaren Anbau
die historische Fassade nicht zu beeinträchtigen, wurde durch zurückhaltende
Materialwahl und Formensprache erreicht. Eine Sandsteinfassade für
den Erweiterungsbau zu wählen, hätte in ihrer Wirkung der Altbaufassade
eine unangemessene Konkurrenz gemacht
Der Versuch, von der seitlichen Sandsteinfront möglichst viel sichtbar
zu erhalten, führte zu schräg verlaufenden Wandanschlüssen.
Im Erdgeschoss war der vorspringende Verlauf aus organisatorischen Gründen
unabdingbar. Im Obergeschoss erlaubt der rückspringende Verlauf den
Ein blick auch auf dieses Fassadenstück Es wirkt zu gleich über
ein großes Fenster in den Neubau hin ein. Zur Heraushebung dieser
Verbindungsstelle entstand der sog. "architektonische Rahmen",
der in erster Linie zur Ankündigung von Wechselausstellungen dienen
soll.
Der in der Frontpartie des Erweiterungsbaus erkennbare Vorsprung dient
der Lichtführung der dahinter liegenden Halle. Sie ist der neue Zentral-
bereich, in den man vom Haupteingang gelenkt wird und von dem aus alle
Ausstellungs- und Nutzungsbereiche des Hauses erreicht werden können.
Die Erschließung der Gesamtanlage von der neuen Treppenhalle erforderte
eine Umorientierung der Zu- und Durchgänge im Ausstellungsbereich
des Altbaus. Die ursprünglich längs orientierte Erschließung
musste durch die seitlichen Zugänge in eine Quererschließung
geändert werden. Damit konnte zugleich eine große optische
Durchlässigkeit erreicht werden.
Hauptakzent der neuen Halle ist die Strünkede Gruppe, die als barockes
Grabmal im alten Museum einen besonders betonten Standort in der Apsis
der großen Halle hatte.
Entsprechend der ursprünglichen Bedeutung der Gruppe wurde für
ihren neuen Standort nur indirekte Lichtführung aus dem „Lichtturm“
entwickelt. Ein Fenster in der Vorderfront soll bewusst eine Sichtbeziehung
der Gruppe zur Straße ermöglichen.
Das Prinzip der Oberbelichtung, wie es im Altbau vorhanden war, wurde
auch für die Ausstellungsräume des Neubaus gewählt Lediglich
eine weiße Markise sorgt in all diesen Bereichen für die Abschirmung
direkter Sonneneinstrahlung. Die technische Lösung der Oberlichter
sowohl im Alt- bau als auch im Neubau ist sehr einfach und konnte mit
vergleichsweise geringen Kosten realisiert werden.
Der vorhandene Geländeverlauf erlaubte, die drei Geschosse des Erweiterungsbaus
versetzt anzuordnen und somit günstige Anlieferungsmöglichkeiten
im rückwärtigen Bereich als auch eine gute Verbindung zum Altbau
herzustellen.
Alle sechs versetzten Ebenen sind durch einen Aufzug miteinander verbunden.
Er macht das ganze Haus auch für Behinderte erreichbar und dient
dem Transport von Ausstellungsgut.
IN NEUEN RÄUMEN ...
und nach fast
dreijähriger Umbaupause kann das Märkische Museum nun seine
Arbeit fortsetzen — unter räumlichen Bedingungen, die in einer
Stadt von der Größenordnung Wittens ihresgleichen suchen. Wer
früher dem Museum einen Besuch abstattete, wurde in einen düsteren
Raum eingelassen, nach dem er sich mit einer Klingel bemerkbar gemacht
hatte. Von hier führte der Weg in die Ausstellungsräume der
Obergeschosse, die übereinen Treppenaufgang erstmal erklommen werden
mussten. Heute gelangen die Besucher durch den alten Haupteingang in den
neu gestalteten, lichten Eingangsbereich. Nur die Wendeltreppen rechts
und links des Zugangs erinnern an die Vergangenheit.
Die architektonische Gestaltung geleitet Gäste unweigerlich in die
rechts gelegene, helle Empfangshalle, die neuer Mittelpunkt des Märkischen
Museums ist. Hier befinden sich berühmte Dauerexponate: Das Strünkede-Grabmal,
die hölzerne Statue des heiligen Engelbert und das Renaissance-Relief
des Hauses Herbede. Eine Graphik von Fred Thieler steht exemplarisch für
den Schwer punkt der museumseigenen Sammlungen: Die Kunstsammlung der
Stadt Witten mit Werken deutscher Malerei und Grafik seit 1900.
Von der Halle, die auch als Veranstaltungsraum für Theater- und Musikaufführungen
genutzt werden soll, gelangt man in die Cafeteria sowie in das Münzkabinett
im Untergeschoß, in dem erstmals die wertvolle Münzsammlung
des Museums aus gestellt wird: Taler und Mehrfachtaler geistlicher Territorien
deutschen Sprachraums vor der Säkularisation.
In Ausstellungsräumen zu ebener Erde befindet sich auch das Graphik-Kabinett,
in dem Arbeiten aus dem Eigenbesitz gezeigt werden. Die fensterlosen,
ausschließlich nur mit regelbarem Kunstlicht beleuchteten Räume
halten das für die Kunstwerke schädliche natürliche Licht
fern.
Der Weg in die Obergeschosse führt über die in der Empfangshalle
beginnenden Treppen, die auch den Zugang zu den Galerien ermöglichen,
von denen aus man einen — selbstverständlich nur räumlich
— "herablassenden" Blick auf die in der Halle platzierten
Kunstwerke hat.
Im Zwischengeschoß des Neubaus liegt der Ausstellungsraum für
Kleinplastiken und Exponate zur Stadtgeschichte. Seine breite Fensterfront
eröffnet einen Ausblick in den Museumsgarten und auf das Heimatmuseum.
Die Konzeption sieht vor, diesen Raum auch für Vorträge und
Versammlungen zu nutzen.
Im Obergeschoß liegen sechs gleiche Ausstellungsräume, in die
durch insgesamt 16 Kuppeln Tageslicht fällt. Um eine optimale Ausnutzung
der Wandflächen für Ausstellungszwecke zu erzielen, wurde auf
Türöffnungen verzichtet. Stattdessen sind Durchgänge in
den Schnittpunkten der Wände freigelassen, die über ihre funktionale
Bedeutung hinaus noch ein besonderes Raum empfinden vermitteln: So kann
jeder der sechs Räume als eigenständig und gleichzeitig als
in die gesamte Raumstruktur eingebunden wahrgenommen werden.
Die Gleichartigkeit der Räume bricht auch mit der hierarchischen
Raumkonzeption des Altbaus, die eine hierarchische Anordnung der Exponate
verlangte. So können die Ausstellungsstücke frei von architektonisch
vorgegebenen Wertigkeiten präsentiert werden.
Auf gleicher Ebene wie die sechs Ausstellungsräume des Neubaus befinden
sich die Zugänge zum Altbau. Als einfache Mauerdurchbrüche konstruiert,
ermöglichen sie eine optische Erfassung der Raumgliederung des Altbaus,
bevor man ihn betreten hat.
Im großen Ausstellungssaal wurde eine in der 50er Jahren eingezogene
Zwischendecke entfernt und die ursprüngliche Kassettendecke wiederhergestellt,
sodass er sich in der Architektur seiner Entstehungszeit präsentiert.
Mit neun Meter Höhe eignet er sich besonders für die Ausstellung
großformatiger Kunstwerke sowie für Theater- und Konzertdarbietungen.
Eine Klarglaskuppel ermöglicht eine Durchflutung des Saales mit Tageslicht.
Die Empore des Altbaues wurde belassen. Sie erreicht man vom großen
Ausstellungssaal über zwei Wendeltreppen, die auch den Zugang zu
den kleineren Ausstellungsräumen im zweiten Obergeschoss erschließen.
Hinter den Kulissen verborgen findet sich im Erdgeschoss des Altbaus eine
Malschule für die museumspädagogische Arbeit mit Kindern, in
der unter fachlicher Anleitung ein spielerisches Verhältnis zur Kunst
entwickelt werden soll. Außerdem dient dieser Raum als Dia- und
Filmvorführraum und als Vortragssaal für den Verein für
Orts- und Heimatkunde.
Daran anschließend beginnen die Arbeitsräume der Museumsverwaltung,
die nach funktionalen Gesichtspunkten konzipiert wurden. So sind die 50.000
Bände umfassende Bibliothek zur Landeskunde Westfalens und ein Archiv
alter Urkunden und Dokumente in speziell klimatisierten Räumen untergebracht,
in denen Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Lichtverhältnisse die wertvollen
Bestände schützen.
Die Arbeitsbereiche von Museumsleitung, wissenschaftlichen Mitarbeitern
und Verwaltungskräften wurden von der hinderlichen Enge vor dem Umbau
befreit und durch möglichst kurze Wege miteinander verbunden, so
daß optimale Arbeitsabläufe gewährleistet sind. Auch die
im Untergeschoß des Neubaus befindliche eigene Werkstatt —
getrennt in je einen Raum für "unreine" und "reine"
Arbeiten — ermöglicht durch ihre ausreichende Größe
und die guten Lichtverhältnisse gutes und leichtes Arbeiten.
Im Verborgenen ruht auch die Haustechnik: Die Klima- und Heizungsanlage,
die in den Magazinen, in der Bibliothek und in der Vitrine des heiligen
Engelbert für jeweils besondere klimatische Bedingungen sorgt. Verborgen
sind auch die Videoüberwachung und die Zentrale der Feuer- und Einbruchmeldeanlage.
Sie gibt im Notfall automatisch eine Alarmmeldung an Feuerwehr und Polizei,
damit dem Märkischen Museum nicht verloren geht, was in nunmehr l02jähriger
Arbeit erreicht wurde.
(Aus dem Katalog
der Stadt Witten/Abt. Öffentlichkeitsarbeit "Premiere mit Tradition",
1988)
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