
Herbert Goetzinger
1928-1976 (Düsseldorf)
Objektkünstler (Atims)
Nachruf von Anneliese Knorr (1998)
Avantgardist der frühen Jahre.
Nicht von ungefähr plädiert der Kunstverein Gelsenkirchen von Zeit zu Zeit für eine Rückschau auf die 60er Jahre und die Künstler, die damals eine neue Ära des Umgangs mit künstlerischen Ausdruckmitteln einläuteten. Einer von ihnen war der 1928 geborene und 1976 in Düsseldorf gestorbene Herbert Götzinger, der mit seinen Bildmontagen und fragilen Objekten, die er Atims nannte, schnell bekannt wurde. 1964 stellte er sich in Gelsenkirchen mit einer umfassenden Schau im Pianohaus Kohl vor. Seither sind seine Arbeiten, die der Kunstverein mit dem Titel "Die Poesie des Nutzlosen" umschrieb, in regelmäßigen Zeitabständen in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen.
Es war unmöglich, von dem Künstler und Menschen Herbert Götzinger nicht gefesselt zu sein. Als er zum ersten Mal in Gelsenkirchen ausstellte, war er 36 Jahre alt, ein bulliges Kraftpaket von rüdem Charme und überschäumender Lebenslust. Ein Selbstdarsteller, zuhause im Milieu zwischen Düsseldorfer Akademie, Kunsthalle, Atelierviertel, Jan Wellem und altem Schlossturm. Als Kunstvermittler von Herbert Götzinger an die breite Heldenbrust gezogen zu werden, war schon etwas Besonderes. Ein bemerkenswertes Erlebnis blieben dabei die Spaziergänge in seiner geliebten Altstadt, wo er mit weit ausholenden Gesten Merksprüche von sich gab, an denen er auch unbeteiligte Passanten teilnehmen ließ.
Götzinger war ein Schwergewicht mit zarten Händen und einer empfindsamen Seele, die sich auch auf literarischem Gebiet zeigte. Er schrieb scheue, zärtliche Gedichte, die sich wohltuend von dem lauten Ingrimm mancher zeitgenössischer Lyriker abhoben. Von der gleichen unaufdringlichen Verinnerlichung kündeten seine Atims aus dünnen Drähten, gestanzten Lochplättchen und zarten Metallgespinsten. Kleine Kunstwerke mit einem von ihm erdachten Phantasienamen, die den Betrachter unversehens in die Gefilde der Poesie entführten. Dazwischen setzte er gern einen machtvollen Paukenschlag mit Materialcollagen, in denen die ehemalige Funktion der Fundstücke erhalten blieb.
Unvergessen war seine Entdeckung der Magie des Abfalls. Sein Stöbern auf Abraumhalden und in verlassenen Werkstätten verwandelte sich unter seinen Händen in kostbar wirkende Reliquien und Sinnzeichen.
Die unaufgesetzte Herzlichkeit im Umgang mit seinen Mitmenschen macht seinen frühen Herztod mit 48 Jahren umso schmerzlicher. Für das sich neu entwickelnde Feld der Objektkunst wurde Götzinger zu einem wichtigen Protagonisten und Fährtensucher.
Ausstellungen
u.a. in Gelsenkirchen (ab 1964)