Nachruf: Anton Stankowski
Der Kunstverein beklagt den Tod eines langjährigen Mitgliedes und guten Freundes. Vor allem im letzten Jahrzehnt wurden die Aktivitäten des Kunstvereins häufig von den Gestaltungsgrundsätzen Professor Anton Stankowskis begleitet. Um ihn trauern wir. Er starb am 11. Dezember 1998 im Alter von 92 Jahren. Wir haben viel von ihm gelernt und seinen Rat stets geschätzt. Sein Tod war für uns ein Schock, und das Gefühl, ein großes Vorbild vermissen zu müssen, hält an.
Die Schaffenskraft blieb dem gebürtigen Gelsenkirchener bis ins hohe Alter erhalten. Auch die letzten Arbeiten, die das Atelier Stankowski/Duschek verließen, trugen unverkennbar seine Handschrift. Ein Leben vollendete sich im Dienst der Kunst. Sein Erfindungsreichtum und seine vorausschauenden Gestaltungsideen sorgten für eine ständige Erneuerung in den Kunstabläufen dieses Jahrhunderts.
Wegweisend für den Kunstverein Gelsenkirchen wurden seine Erkenntnisse über die Gleichheit von freier Kunst und Design. Seine Aussagen über auto-nome und angewandte Kunst bilden auch die Grundlagen der Ausstellungsreihe des Kunstvereins "kunst/design - design/kunst", die wir seit mehr als zehn Jahren erfolgreich durchführen.
Stankowskis Vorbildfunktion ist mit seinem Ableben nicht zu Ende. Die Förderung talentierter Künstler durch die Stankowski-Stiftung geht weiter, seine Werke in Museen, Galerien und im Privatbesitz sprechen ihre eigene unverwechselbare Sprache sowie die zahlreichen Bücher und Schriften, in denen die Kunstwege dieses Jahrhunderts aufgezeichnet sind. Ein Lebenswerk bleibt lebendig, das von Beharrlichkeit, Schaffenskraft und tiefer Liebe zu den künstlerischen Disziplinen zeugt. Unter diesen Aspekten wollen wir Anton Stankowski in Erinnerung behalten. Der Kunstverein Gelsenkirchen hat ihm viel zu verdanken.
(Ulrich Daduna, 1999)
Entdecker und Erfinder Anton Stankowski:
Erkenntnisse, Grundlagen und Richtwerte
Der Mensch lebt seit Jahrtausenden mit dem Anteil der Schönheit in seiner Umwelt und dem, was er schöpferisch entstehen ließ. Ein Werk ohne Schönheit widerstrebt dem menschlichen Empfinden. Er kann ohne diesen ästhetischen Bei-trag nicht existieren. Leider können wir diese Erkenntnis bisher noch nicht wissenschaftlich belegen, die Handhabung der ästhetischen Funktion nicht in mechanische Formeln fassen.
Innere Ordnung und Disziplin bedeuten dann nicht, verbissen am einmal gewählten Konzept zu hängen, im Gegenteil. Wer grundsätzlich Klarheit hat, kann sich spontanen Einflüssen desto freier überlassen. Oft führen dann auch Anregungen, die aus der Art des Machens entstehen, während der Arbeit über die bildnerischen Mittel zu neuen Lösungen. Es müssen während des Arbeitsprozesses immer neue Entscheidungen getroffen werden, die für die Art des Bildes von Bedeutung sind.
Visuelle Spannung ist Erregung im Bild. In der konkreten Kunst ist das Spiel zwischen agierenden und reagierenden Formen weitgehend geplant oder berechnet. Spannung kann durch die gegensätzlichen Formelemente, die in einem bestimmten Verhältnis zueinander gesetzt sind, entstehen. Kontrast, Lage, Größe, Farbe, Volumen, der Bezug aller Teile zueinander erzeugen Spannungen, wobei der Bildgrund einbezogen wird.
Finden, vereinfachen, versachlichen und vermenschlichen, das sind Antriebsfaktoren für meine Arbeit. Dabei ist das Letzte, das Vermenschlichen, das Schwierigste. Das geschieht meist durch den ästhetischen Prozess, der mit Ordnung verbunden ist. Man kann nicht vermenschlichen, indem man Wirrwarr schafft. Vermenschlichen kann man auch nicht dadurch, dass man Emotionen einbringt.
Anton Stankowski
Gespräch mit dem Kulturdezernenten Herrn Peter Rose:
Erinnerungen an Anton Stankowski
Am 11. Dezember 1998 starb in Esslingen der Maler, Grafiker, Designer und Fotograf Professor Anton Stankowski im Alter von 92 Jahren. Obwohl der in Gelsenkirchen geborene Künstler über 60 Jahre in Stuttgart gelebt und gearbeitet hat, sind die Kontakte zu seiner Heimatstadt nie abgerissen. Der Kunstverein Gelsenkirchen, dessen langjähriges Mitglied Anton Stankowski gewesen ist, befragte den Kulturdezernenten der Stadt, Peter Rose, über seine Begegnungen mit dem international bekannten Künstler. Das Gespräch führte Anneliese Knorr.
Frage:
Anton Stankowski, 1906 als Sohn eines Bergmanns in Gelsenkirchen geboren, lebte und arbeitete bis zu seinem Tod über 60 Jahre in Stuttgart. Er zählt also zu den Spezies bekannter Persönlichkeiten, deren Berühmtheit sich weit entfernt von ihrer Geburtsstadt entwickelte. Kann die Stadt Gelsenkirchen Anton Stankowski noch als einen der ihrigen betrachten und ihn mit Stolz zu den herausragenden Bürgern der Stadt zählen?
Rose:
Einschränkungslos ja! Denn Anton Stankowski hat seine Stadt ebenso wenig ver-gessen wie seine Herkunft aus einer ostpreußischen Familie, die im Ruhrgebiet sesshaft wurde. Er war stolz auf diese Wurzeln und auf die Tatsache, dass er aus eigener Kraft seine Begabung und Kreativität entwickeln konnte. Bei seinen Besuchen in Gelsenkirchen, zusammen mit seiner Frau Else, eine gebürtige Bochumerin, sprach er gern von den ersten Anfängen, von seinem Studium - ohne finanzielle Unterstützung - an der Essener Folkwangschule, von Vorurteilen in Bezug auf seine Berufswahl und von seinen Gestaltungsideen, die damals kaum jemand verstand.
Frage:
Zwangsläufig ergibt sich daraus die Hoffnung, dass die in Gelsenkirchen vorhandenen Erinnerungswerte auch erhalten bleiben?
Rose:
Wichtigster Standort ist und bleibt dafür das Städtische Museum mit einer Sammlung von Bildern, Grafiken, Entwürfen, Objekten und Fotografien. 1987 erhielt die Stadt Gelsenkirchen zu den bereits vorhandenen Exponaten ein umfangreiches Geschenk aus der Stankowski-Stiftung: 10 Gemälde, 16 Gouachen, 21 Siebdrucke, 43 Fotografien und zahlreiche weitere Beispiele seines vielseitigen Schaffens aus verschiedenen Epochen.
Ferner befindet sich ein großformatiges Ge-mälde als weiterer Hinweis auf die reichhaltige Kollektion konkreter Kunst von Anton Stankowski in Gelsenkirchen im Berufs-kolleg für Technik und Gestaltung an der Goldbergstraße in Buer (ehemals Georg-Kerschensteiner-Schule), also in unmittelbarer Nähe des Museums.
Eine gute Erinnerung vermittelt auch die vor einigen Jahren erfolgte Restaurierung des Treppenhauses und der Etagenflure im Hans-Sachs-Haus. Dabei wurde zurückgegriffen auf ein farbiges Leitsystem, das Ende der 20er Jahre der Essener Professor Max Burchartz für den Sitz der Gelsenkirchener Stadtverwaltung entworfen hatte. Stankowski, damals noch Schüler von Burchartz, war daran beteiligt. Es war für ihn eine selbstverständliche Pflicht, fast sieben Jahrzehnte später bei der Rekonstruktion dieses Leitplanes mit Hinweisen und Ratschlägen zur Verfügung zu stehen.
Frage:
Viele Bewunderer seines künstlerischen Schaffens trauern um Anton Stankowski. Vor allem seine Freunde in der heimischen Kunstszene, zu denen Sie ebenfalls zählen. Was bedeutet für Sie persönlich der Verlust dieses Wegbereiters moderner Kunstauffassung?
Rose:
Mich beeindruckte stets die Bescheidenheit, mit der er seine Pionierleistung als selbstverständlich hinstellte und - höchst selten - sein umfangreiches Werk kommentierte. Allüren gingen ihm gänzlich ab. Auffallend war sein wacher Blick, seine Präsenz sowie seine klare und schlichte, immer verständliche Sprache. Er nöhlte und beckmesserte nicht. Auch als Kritiker war er ein "Konstruktiver". Bei seinen Besuchen in Gelsenkirchen geizte er nicht mit guten Ratschlägen und Empfehlungen für Kunstsammlung und Kunstverein, dessen Mitglied er gewesen ist. Aber er gab nicht nur Rat; er stand auch mit Tat zur Seite: Der Entwurf des Plakats zur Eröffnung des Museums 1984 war sein Geschenk.
Persönliche Beziehungen zu Anton Stankowski ergaben sich bei Ausstellungen sei-ner Werke oder im Anschluss an Veranstaltungen, die auf seinen Leitideen basierten. Sie waren nicht allzu häufig, aber immer spannend und lehrreich.
Als ich Ende 1975 mein Amt in Gelsenkirchen antrat, fand ich das neue grafische Erscheinungsbild der Stadt Gelsenkirchen ja bereits vor. Auf meine neugierige Frage, wie es zu Stande gekommen sei, erfuhr ich, dass Anton Stankowski auch dabei seine Hand im Spiel hatte. Ich hörte, dass Ernst Knorr, Stadtgrafiker und Fotograf, sich in alter freundschaftlicher Verbindung aus Tagen des gemeinsamen Studiums an der Essener Folk-wangschule an Anton Stankowski gewandt und ihn zur Eröffnung einer Ausstellung nach Bad Godesberg eingeladen hatte. Dort hielt Stankowski eine vielbeachtete Grundsatzrede zum Thema "Kunst, Design und aktuelle Werbung für eine Kommune". Vielleicht könnte uns der Kunstverein diese Rede ja wieder zugänglich machen.....?
Frage:
Ende der 60er Jahre hatte Anton Stankowski das "Berlin-Layout" auf den Weg gebracht. Da lag der Austausch mit Stankowskis Erfahrungen auf der Hand?
Rose:
Stankowski hat in Fachbeiträgen häufig darauf hingewiesen, dass Gelsenkirchen die zweite deutsche Stadt mit einem umfassenden modernen Stadt-Layout war. Ich weiß, dass er seinerzeit die Stadt bestärkt hat, ein neues grafisches Erscheinungsbild, ein neues Corporate Design oder CD, wie man heute sagt, zu erstellen, für das schließlich der Gelsenkirchener Grafiker Eberhard Hippler das Logo entwarf. Und das "G" hat - trotz mancher Anfeindungen - immer noch Bestand. Übrigens haben die damaligen Bestrebungen nach einem zeitgemäßen Image in dem Buch "Mut zum Profil" von Matthias Beyrow lobende Erwähnung gefunden. Ganz so falsch kann das Gelsenkirchener Modell wohl nicht gewesen sein...
Frage:
Als zentrales Thema in seiner Ausstellungsplanung empfindet der Kunstverein seine Rei-he "kunst/design - design/kunst", die auf einer wesentlichen Erkenntnis Stan-kowskis beruht. Er plädierte stets für die Gleichwertigkeit von freier Kunst und Design, und sein Schaffen ist der beste Beweis dafür. Sehen Sie darin eine wichtige Zukunftsaufgabe? Auch für Initiativen, die weiterhin von Gelsenkirchen ausgehen könnten?
Rose:
So sollte es, so müsste es sein. Wenn man bedenkt, wie viel Kreativität damit verbunden ist und wie viele neue Wege inzwischen schon beschritten worden sind, wobei auch die Fotografie längst als künstlerisches Medium gilt - Stankowskis Forderung nach Gleichberechtigung der Disziplinen bedarf keiner Beweise mehr. Seine weltweit bekannten Signets für große Unternehmen, aber auch seine unverändert avantgardistische Werbung aus den 30er Jahren, die nach dem 2. Weltkrieg ihre Fortführung fand, ist zeitlos und belegt die Richtigkeit seiner Ideen. Ich unterstütze den Kunstverein nachdrücklich, diese Reihe fortzuführen und weiterzuentwickeln. Als der Kunstverein das Thema "kunst/design - design/kunst" Ende der 70er/ Anfang der 80er Jahre mit einer Ausstellung aufgriff, an der Anton Stankowski und Karl Duschek mit großformatigen Siebdrucken teilnahmen, gab es im Ratsfoyer des Hans-Sachs-Hauses noch heftige Diskussionen. Einbezogen wurde vor allem die Debatte um das "G", obwohl das Stadt-Logo längst in Fachkreise anerkannt war.
In der Erkenntnis, wie notwendig der Abbau von Vorurteilen und die Unterstützung von Sachverstand ist, gab es in den vergangenen Jahren - ganz im Sinne Stankowskis - wesentliche Beiträge über Unternehmenskultur, Kunst und Design, Kunst und Werbung oder Kunst im öffentlichen Raum in enger Zusammenarbeit mit einheimischen Unternehmen.
In den letzten zehn Jahren ist im Bereich der kommunalen Kulturpflege eine steigende Aufgeschlossenheit zu verzeichnen, die in starkem Maße auf eine Erweiterung des Kunstbegriffs hinausläuft, wie ihn Anton Stankowski nicht nur theoretisch propagier-te, sondern durch seine Arbeiten auch ganz konkret sichtbar machte. Seine Publikationen und Beiträge zu den Grundlagen der Gestaltungslehre trugen wesentlich dazu bei, komplizierte Sachverhalte in griffige Kürzel zu fassen und mit probaten Mitteln darzustellen. Alles in allem haben ihm nicht nur mehrere Künstlergenerationen, sondern viele Menschen mit kreativen Ambitionen viel zu verdanken.
Frage:
Wie geht es weiter? Woran ist gedacht?
Rose:
Inzwischen gibt es im Museum neben der klassischen Sammlung und der kinetischen Sammlung "Licht und Bewegung" ständige Ausstellungsräume, in denen die Schenkung von Anton Stankowski zu sehen ist. Diese Idee entstand vor etwa zwei Jahren bei der Vorbereitung eines Symposiums "50 Jahre Werkbund Nordrhein-Westfalen", auf dem die Ideen und das Werk von Anton Stankowski im Mittelpunkt standen. Mir ist dabei noch einmal nachdrücklich klar geworden, über welches Pfund wir im Museum verfügen, mit dem es zu wuchern gilt. Apropos Werkbund: Auch das Werkbund-Logo stammt vom Werkbund-Mitglied Anton Stankowski.
Zu Beginn dieses Jahres habe ich mit Karl Duschek, dem Geschäftsführer der Anton-Stankowski-Stiftung sowie langjährigen Freund und Partner von Anton Stankowski, Kontakt aufgenommen, um schon bald über Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu sprechen. Auf meinen Vorschlag, Leben und Werk von Anton Stankowski Ende 1999 in einer Ausstellung im Museum seiner Geburtsstadt Gelsenkirchen zu würdigen, hat er sehr positiv reagiert. Dies sollte der Auftakt sein für kontinuierliche Aktivitäten, um das Werk von Anton Stankowski lebendig zu halten.
Herr Rose, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Seismograph seiner Zeit:
Einblicke in Anton Stankowskis Lebenswerk
Die Kunst bedarf von Zeit zu Zeit der Denkanstöße, die eine neue Ära einleiten. Zu den Künstlern, die derartige Pionierleistungen vollbringen, zählt Anton Stankowski. Er hinterlässt die Bilanz eines künstlerischen Werkes, das weit bis in das nächste Jahrtausend Bestand haben wird.
Anton Stankowski war Theoretiker und Praktiker zugleich - ein Künstler, der es verstand, Denkvorgänge in visuelle Ordnungen umzusetzen. Daraus resultierte auch die Erkenntnis, dass Kunst und Design eng zusammengehören, eine Schlussfolgerung, die sein gesamten Schaffen durchzieht.
Die Vielschichtigkeit seiner gestalterischen Interessen machte ihn zu einem genialen Interpreten von Kunstentwicklungen dieses Jahrhunderts. Aufschluss darüber gibt neben zahlreichen Veröffentlichungen in Form von Text-Bild-Bänden vor allem das "Jahrbuch von 1925 bis 1982", in der er die Maxime seines Lebens aufge-zeichnet hat. Fortgesetzt hat er darüber hinaus derartige biografische Niederschriften bis in die jüngste Vergangenheit.
Anton Stankowskis Lehrjahre waren geprägt von Reglementierung und Anpassung an überkommene Wissensvermittlung. Für die karge Freizeit und Wanderungen in die Baumberge, die er liebte, blieb wenig Muße. Sein Interesse jedoch für die Zeichen der Zeit, für die Freiheit des Menschen und die freie Entwicklung der Kunst konnte er bewahren. Damit verband sich eine unbändige Neugier und der Wunsch, die eigene Kreativität ausleben zu dürfen. So blieb es Stankowski bereits in jungen Jahren vorbehalten, die traditionell bürgerlichen Maßstäbe der öffentlichen Kunstausübung im Sinne Hegels "dienender" Kunst zu durchbrechen.
Was es bedeutet, einen Kompromiss zu finden zwischen handwerklichen Normen und dem eigenen Gestaltungswillen, hat Stankowski oft anschaulich geschildert.
Eine Bestätigung seiner Vorstellungen fand der junge Student Mitte der 20er Jahre bei seinem Professor Max Burchartz, der mit seiner Gestaltungslehre selbst Neuland betrat. Damals gab es heiße Diskussionen an der Essener Folkwangschule, die Stankowski auch in der Freizeit fortsetzte. Den Drang nach Information und neuen Wahrheiten teilte er mit seinen Gelsenkirchener Freunden Jupp Bock, Emil Zander, der später als Dozent an die Folkwangschule zurückkehrte, und mit Ernst Knorr, mit dem er sich die erste Voigtländer-Kamera teilte.
Das Geld war knapp in dieser Zeit und das Studium dementsprechend kurz. Auch Anton Stankowski suchte nach beruflichem Weiterkommen. Nach einem Intermezzo in Düsseldorf, wo er in den Kreis um Mutter Ey eingeführt wurde, erreichte ihn ein Angebot aus der Schweiz. In einer Betrachtung über die "konstruktive Praxis" in Zürich beschreibt er die Begegnung mit international bekannten Konstruktivisten wie Max Bill und R. P. Lohse.
Zürich wird für ihn zum Standort und zum Angelpunkt konstruktiven Schaffens, ganz abgesehen von den Anregungen für eine progressive Werbung. Vor allem aber in der Malerei gelangt Stankowski zu gültigen Ordnungssystemen für Form, Farbe und Linie, wobei die Perspektive zum Tragen kommt und das dreidimensionale Bild an Bedeutung gewinnt. Die Werbeentwürfe jener Zeit stehen - wie schon Ende der 20er Jahre - in Deutschland im Zeichen Text-Montagen, funktioneller Fotografie und einem ungewöhnlichen Einsatz der Typographie.
Immer aber bleibt die "rationale Kontrolle der Gestaltung" federführend; emotionale Begleiterscheinungen finden in seinen Bildplänen keinen Raum. Die Folgerichtigkeit seines Konzepts lässt sich nicht zuletzt an der Nach-Zürich-Zeit ablesen. Stankowski kehrt 1937 nach Deutschland zurück, um sich in Stuttgart selbstständig zu machen. Obwohl er in die Blut- und Boden-Romantik der Nazi-Kultur gerät, bleibt ihm eine schlimme Konfrontation mit dem naiven Naturalismus jener Tage erspart. Der zweite Weltkrieg steht vor der Tür, und Anton Stankowski muss Soldat werden. Nach Gefangenschaft und Kriegsende kehrt er nach Stuttgart zurück, wo er den Neuanfang wagt. Sein Interesse gilt der Entwicklung von Printme-dien, einem Betätigungsfeld, auf dem er seine Erfahrungen als Gestalter, Publizist und Werbespezialist einsetzen kann.
Offensichtlich hindert ihn jedoch die Hektik des Zeitungsbetriebes an der Wei-terführung seiner Entdeckerfreuden im grafischen Bereich, denn Stankowski gehört inzwischen zu den begehrten Erfindern publikumswirksamer Unternehmenswerbung. Seine konsequenten, klaren Aussagen, die einer nachvollziehbaren Vereinfachung der gestalterischen Mittel unterliegen, überzeugen auch Institutionen und Kommunen.
Einer der späteren Höhepunkte war der Auftrag der Stadt Berlin für ein Layout, das alle Äußerungen kommunalen Lebens umfassen sollte. Seine Arbeit wurde beispielhaft für etliche andere Städte, die sich ein neues grafischen Erscheinungsbild wünschten, so u.a. Gelsenkirchen, Stankowskis Geburtsstadt.
Obwohl er auf dem Gebiet des kommerziellen Design, sprich angewandter Kunst, immer gefragter wurde, galt für ihn nach wie vor das Prinzip der Einheit von Kunst und Design. Bestes Beispiel waren die Ergebnisse seiner konkreten Malerei, in der sich alle Denkanstöße und Überlegungen vieler Jahre versammelt zeigten. Allerdings erlebte auch Stankowski wie die Konstruktivisten der 60er und 70er Jahre in der Ära des abstrakten Expressionismus und des Informell ein Desinteresse der Öffentlichkeit an der Sachlichkeit konkreter Kunst. In den 80er Jahren aber gewann der konstruktive Bildentwurf trotz der Wiederkehr der Gegenständlichkeit an Boden. Anton Stankowski wurde zu zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen eingeladen; seine Bücher und Kunst-Publikationen waren gefragt wie im Bereich des Design seine Plakate, Firmenlogos und farbigen Leitsysteme für öffentliche Gebäude. Seine Fähigkeit, visuell eingängige Symbole zu finden, nutzten auch große Unternehmen und Bankinstitute wie die Deutsche Bank, für die er das weltweit bekannte Signet mit dem schräg gestellten, diagonal aufstrebenden Balken entwarf.
Nicht minder geschätzt wurde Stankowski als Fotograf, wobei die Anfänge seiner Experimente in den 20er Jahren lagen und in der Zürcher Zeit in Zusammenarbeit mit Max Dalang fortgesetzt wurden. Seine Bildaussagen bewegten sich zwischen ob-jektiver und subjektiver Sehensweise; verbunden mit wertvollen Dokumentationen seiner Erlebnisse und Erfahrungen, gibt es bis in die Gegenwart eine bedeutende Ausbeute von fotografischen Kunstwerken. Stankowski ist es gelungen, die Lichtbildnerei als künstlerischen Medium zu etablieren und den Weg zwischen dem dienenden Hilfsmittel bis zur autonomen Kunstform aufzuzeigen.
Seit 1972 arbeitet Karl Duschek im Grafischen Atelier Stankowski, der ihn drei Jahre später zu seinem Partner machte. Duschek - Maler, Grafiker, Gestalter von Rauminszenierungen, Kunstpädagoge und Buchautor - steht dem Kunstentwurf Stankowskis sehr nahe, obwohl er eine unverkennbar eigene Handschrift schreibt. Davon konnten sich auf Einladung des Kunstvereins die Besucher seiner Einzelausstellung 1996 im Städtischen Museum überzeugen. Bei ihm dürfte das künstlerische Erbe Stankowskis, die Fortführung der Stankowski-Stiftung eingeschlossen, in besten Händen sein.
Die Stiftung mit ihren Fördermaßnahmen für Künstler, Designer, für Kreative, die im Sinne des Verstorbenen die Gleichwertigkeit von Kunst und Design interpretieren, sowie Personen, die sich um dieses spezielle Gebiet in der Öffentlichkeit verdient gemacht haben, wird den Namen Stankowskis weitertragen. Immer im Gedächtnis bleiben bei seinen Freunden und Bewunderern wird dieser wache Geist, dessen Impulse für ein ganzes Jahrhundert gelten.
(Anneliese Knorr, 1998)
zur
Biografie von Anton Stankowski
Zum Seitenanfang