Mischtechnik auf Leinwand, 1983

Jutta Elsa Beckert

Kommentar von Karl-Heinz Müller


Zu den Bildern von Jutta Beckert

Man sagt: Der ist unfreiwillig komisch. Warum sagt man nicht: Der ist unfreiwillig ernst? Gerade jener Ernst, den man dazu noch den tierischen nennt, ist unfrei; unser Mutwille entlarvt ihn.
Jutta Beckert hat als Motiv für ihre in Gelsenkirchen ausgestellten Arbeiten ein Tier gewählt, das mit den Vorurteilen und Assoziationen, die wir ihm unterstellen, leben muss. Alles, was wir dem Schwein andichten, hat mit uns zu tun, und so sind auch die Bilder keine Szenen aus dem Leben der Tiere und keine Vermenschlichungen tierischer Wesenszüge, sondern Zeichen. Zeichen einer ambivalenten Ich-Struktur, die sich an der Erfahrung der Wirklichkeit herausbildet und in den Äußerungen der Malerin offenbart.
Die gemischten Gemütslagen der Beckert und das wäre die Forderung nach der Objektivierung des Temperaments - das Gestalten der Verstrickung von Ernst und Komik, von Würde und Wunderlichkeit, findet an bestimmten Eigenarten des Schweins seine Kristallisationskerne. Wunderlich sind die Eigenheiten dieser Tiere für uns nicht zuletzt deshalb, weil sie die Struktur unserer vielfach gebrochenen Verdrehtheit auf eine organische und quasi unschuldige Weise "ausleben" und uns eine Natur vorleben, die wir nicht, noch nicht wieder erreicht haben.
Gerade beim Schwein, nicht bei Hund, Katze und dem lieben, aber blöden Vieh, können wir eine merkwürdige, allzu menschliche Erfahrung machen: Die Tiere wirken auf uns unfreiwillig komisch, weil das Charakteristische an ihrem Verhalten dem, was wir den tierischen Ernst nennen, in provozierender Weise widerspricht. Wie die Schweine im Schlamm suhlen, ihre Fressgeräusche, das Gegrunze und Gestoße, die grazilen, stakkatoartigen Trippelschritte unter dem massigen Körper, das Quieken der Frischlinge und die Besorgtheit der Bache wirken erfrischend ulkig gegen unser anständiges Benehmen; all das wirkt latent subversiv auf unsere zivilisierte Erhabenheit.

"Sein Wesen ist ein absonderliches Gemisch von behäbiger Ruhe, harmloser Gutmütigkeit und ungewöhnlicher Reizbarkeit. Unerzürnt tut selbst das stärkste Schwein keinem Menschen etwas zu Leide; aber alle Sauen und namentlich die großen Schweine vertragen keine Beleidigungen, nicht einmal eine Neckerei." (Alfred Brehm)

Gerade deshalb reizen uns auch ebensolche Menschen dazu, sie zu ärgern. Wir machen uns lustig über sie, weil wir sehen, dass ihr Ernst aus der Sicht unseres Mutes, aus unserer Einsicht der Dinge, nicht funktioniert, und es reizt uns, sie zu necken, weil sie von ihrer Rigidität nicht lassen können, sie bleiben wie einem fremden Zwang unterworfen. Der unfreiwillige Ernst, darin besteht der Unterschied zum freiwilligen, ordnet sich den personalen und institutionellen Autoritäten unter und verinnerlicht deren Wertmaßstäbe; im Habitus solchen Ernstes erscheint die Herrschaft. Sie entlarvt sich nicht selbst, sondern nur durch die konterkarierende Geste eines Dritten, in der Karikatur, in der mimischen und gestischen Verzerrung. Jutta Beckert geht in ihren Bildern darüber hinaus. Sie polemisiert nicht bloß gegen Würde und Wohlanständigkeit, sondern sie inszeniert Situationen, in denen ein vitaler, heiterer, auch wundersamer Ernst die Beschränktheit des unfreien Ernstes und der unfreiwilligen Komik hinter sich lässt.

Da steht ein Schwein auf dem Rücken des anderen, ohne Druck, ohne es zu beherrschen; eins fällt nach unten, während seine "bessere" Hälfte im Rot schwebt; andere wiederum haften Rücken an Rücken aneinander, aber nicht wie siamesiche Zwillinge, sondern jedes für sich, oder Fuß auf Fuß, wie eine unwillkürliche Ergänzung. Und immer sind es zwei, denn "allein kann man nicht lebendig sein" (Beckert). Dieser Doppelheit entspricht die Farbwahl, vor allem der Rot-Blau-Kontrast. Das intensive Karmin-Rot und das Preußisch-Nachtblau schaffen die szenische Atmosphäre, in der die Motive gesteigert werden. Welche Steigerung wird durch die Farbe erreicht? Wenn man sich die Farbe einmal wegdenkt, dann bleibt ein figuratives Gerüst aus zwei Schwein-Zeichen, die in einer ungewohnten Weise miteinander in Verbindung stehen. Es sind stilisierte, schematisierte Figurationen, die knapp angegeben sind, aber nicht ebenso konzis erklärt werden können. Sie bleiben in einer merkwürdigen, nicht eindeutig bestimmbaren Situation. Die farbige Atmosphäre, verstärkt durch die gestische Verve, verdichtet, verlängert diese Situation, gibt ihr Raum und sinnlichen Reiz; sie vertieft die Situationskomik. Durch die Farbenergie bekommen die Tierfiguren jene Ausstrahlung, die den Bildwitz in einen Ausdruck des freien Willens verwandelt - die mutwillige Pointe wird malerisch standfest, wird zum Mut der Malerin (um einen Künstlerkollegen zu paraphrasieren).
Logisch einlösen kann man diese Situationen nicht, wenn man sie auf den Witz einerseits, auf das Kraftrot und die Nachtschatten andererseits reduziert; aus diesen Elementen aber, und das heißt: aus dem Zusammenschluss der spezifischen Temperamente von Jutta Beckert, schält sich die Ambiguität eines hintergründigen Ernstes heraus, jenseits der normalen Komik und des unfreiwilligen Ernstes.

(Karl Hans Müller, April 1984)